Koloniales Erbe vom Dachboden: angeschaut und nachgefragt

29.04.2022

Eine Holzmaske, die der entfernt verwandte Onkel in den 1970er-Jahren aus Afrika mitgebracht hat. Die vergilbte Fotografie der Schwägerin, die als Missionsschwester in Übersee war. Ein exotisch geformtes Tongefäß ohne Herkunftsangabe. Der Pfeil mit Zierkerben und Metallspitze, an der mal Gift gewesen sein soll. Schmalfilme, aufbewahrt in einer Schachtel mit der Beschriftung "Weltreise 1935 Einheimische beim Essen". Ein altes Blechschild, mit einer Reklame für einen Kolonialwarenladen. Das Fotoalbum mit dem Titelblatt "Meine Jahre in den Kolonien" aus der Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg. Ein ausgestopftes Gürteltier, bei dem schon ein Auge fehlt und von dem niemand mehr weiß, wie es hierherkam.

Solche und viele ähnliche Sachen finden sich in nahezu jedem Haushalt, im Keller, in der Ecke des Abstellraums oder auf dem Dachboden. Manchmal sind sie aus jüngerer Zeit, einige stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Oft ist unbekannt, woher genau sie sind und wie sie erworben wurden: Waren es Geschenke, wurden sie bezahlt oder hat man das Stück einfach im Vorbeigehen mitgenommen? Wem haben die Dinge bis dahin gehört und wie wurden sie verwendet? In anderen Fällen gibt es dazu Reiseerinnerungen, Familienanekdoten und Geschichten, manchmal waren die Sachen auch mit persönlichen Kontakten, Briefwechseln und mehrfachen Besuchen auf anderen Kontinenten verbunden. Oder es ist eine Kiste voller Exotika, die in der Sammlung des Heimatvereins oder des kleinen Museums am Ort immer schon da war. Anderes stammt vom Flohmarkt.
Hat das alles etwas mit Kolonialismus zu tun? Wie will man mit diesen Sachen umgehen? Welche Geschichten und welche Geschichte überliefern sie? Kann man nach so vielen Jahren noch etwas herausfinden über das Leben, das mit ihnen hier und anderswo auf der Welt verbunden war?

"An vielen Orten untersuchen zurzeit Museen, Archive und Sammlungen auch in Westfalen-Lippe ihre Bestände auf koloniales Erbe. Dieses findet sich nicht nur in früher so bezeichneten 'Kolonialsammlungen', sondern in Museumsbeständen aller Sparten. Aber über das koloniale Erbe, das im Zuge von Militärdienst, Mission, Forschungsreisen und Urlaub oder Berufstätigkeit und Entwicklungsdienst privat mitgebracht wurde, als Andenken, Kuriosität, Erinnerungsstück oder Mitbringsel, ist bislang nichts bekannt. Dabei sind diese Dinge wichtige historische Gegenstände, weil sie mit persönlichen Erfahrungen verknüpft sind", erläutert Dr. Silke Eilers, Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes.

Die Kommission Alltagskulturforschung des LWL und der Westfälische Heimatbund e. V. (WHB) möchten über diese Dinge mehr erfahren: Was findet sich bei Ihnen zuhause? Worüber möchten Sie gerne mehr wissen? Was würden Sie gerne loswerden, weil Sie es rassistisch finden? Sind Sie fasziniert oder fühlen Sie sich unbehaglich angesichts dieser Dinge? An welcher Stelle haben Sie sich schon gefragt, ob das betreffende Stück nicht besser in ein Museum gehört?
Derlei Fragen widmet sich das Projekt "Koloniales Erbe vom Dachboden". Dieses ist Teil des Förderschwerpunkts "Kolonialismus und seine Kontinuitäten" der LWL-Kulturstiftung. "Wir möchten mit diesem Projekt die Erforschung der Epoche des Kolonialismus um die Alltagsperspektive erweitern. Dabei geht es nicht nur um die Zeit, in der das Kaiserreich Kolonien beherrschte und ausbeutete, sondern um die Entwicklung bis in die Gegenwart", ergänzt Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Kommission Alltagskulturforschung.

Das Projekt ist langfristig angelegt. Erste Ergebnisse werden in einer Publikation und als Teil der Ausstellung "(Post)Koloniales Westfalen" 2024 im LWL-Industriemuseum präsentiert.
Wenn Sie eines oder mehrere derartiger Dinge haben und diese mit Expert:innen einmal genauer anschauen und mehr darüber wissen möchten, dann melden Sie sich bitte bei den Projektpartnern. Alle Dinge bleiben in Privatbesitz. Die Verwendung für das Dokumentations- und Forschungsprojekt erfolgt selbstverständlich anonymisiert.